Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

geschrieben 2017-01-20
von Milena Hoppe (NMUN-Delegation 2017)

Ganz so munter waren wir zwar noch nicht, als wir am Freitagmorgen um 5:30 in den Zug nach Berlin stiegen, dennoch freuten wir uns riesig auf unsere Reise in die Bundeshauptstadt. Auf dem Programm standen die Besuche der Haitianischen Botschaft und des Auswärtigen Amtes, ein Worskshop zum Thema Leadership und Freizeitprogramm, um sich nochmal richtig intensiv in der Gruppe kennen zu lernen.

In Berlin angekommen bezogen wir erst einmal unser Hostel. Nachdem sich alle etwas aufgefrischt und einen kleinen Garderobenwechsel vollbracht hatten, ging es auch schon zur Haitianischen Botschaft. Dort hatten wir einen Termin ausgemacht und wurden auch herzlichst empfangen. Zwar wunderte man sich wohl etwas über unsere exakte Pünktlichkeit, dennoch waren im Konferenzraum rasch haitianische Spezialitäten angerichtet und wir konnten beginnen.

Zuerst erklärten wir Frau Michele Dominique Raymond, der Botschaftsrätin und ihrem Kollegen was genau wir im März in New York vorhaben und weshalb wir zu ihnen gekommen sind. Wirklich gut vorbereitet konnten sie uns sofort in einem Wechsel aus Vortrag ihrerseits und Fragen unsererseits Auskunft über das Land, die politische Situation, das problematische Gesundheitswesen, Bildung und Tourismus geben.

Wir lernten, dass in den Krankenhäusern ein permanenter Mangel an Materialien herrscht und sie völlig überlastet sind. Positiv sei jedoch zu beobachten, dass die Bekämpfung der Verbreitung von HIV/Aids sehr gut voranschreite und prognostiziert wird, dass es im Jahr 2030 keine Neuansteckungen mehr geben wird.
Im Bereich Bildung ist vor allem problematisch, dass nur 5% der Staatsausgaben auf den Bildungssektor entfallen und der Zugang zu Bildung für einen großen Teil der Bevölkerung beschränkt ist. So können ein Drittel der Bevölkerung weder lesen noch schreiben.
Während Haiti wenig mit globalen Umweltthemen wie Klimaerwärmung oder Verschmutzung der Ozeane zu kämpfen hat, liegt ihr größtes Problem in der Abholzung der eigenen Wälder: 90% der Wälder sind laut der Botschafterin bereits der Kohleproduktion zum Opfer gefallen. Die dadurch entstehenden Bodenerosionen machen der ohnehin nicht allzu starken Landwirtschaft zu schaffen. Die Landeseigene Produktion von Gütern zum Exportieren beschränkt sich hauptsächlich auf Kakao, Kaffee und Rum. Ansonsten wird nur der eigene Markt versorgt.
Bei all diesen Problemen geht die Entwicklung des Tourismus etwas unter, was auch an den fehlenden Investitionen aus dem Ausland liegt. Nichtsdestotrotz lohnt sich laut der Botschafterin ein Besuch der wunderschönen Strände und beeindruckender Landschaften.

Besonders eindrucksvoll war es für uns, auch einen Einblick in die Mentalität der Menschen zu bekommen, von der uns Frau Raymond ebenfalls erzählte. Sie berichtete von persönlichen Begegnungen mit Menschen, die sie in besonderer Weise berührt haben, und war erfüllt von Stolz, als sie von der Güte und Selbstlosigkeit der Menschen sprach. Sie erzählte uns von Kindern, die bettelnd auf der Straße saßen und doch anboten, ihr Geld für Lebensmittel zu leihen oder einem Fischerjungen, der ihr seine einzige Mahlzeit, eine einzelne Mango, schenken wollte.

So schlossen wir nach über drei Stunden intensiven Gesprächs mit einem wirklich authentischen, wenn auch keinesfalls durchweg positiven Eindruck eines Landes mit großen Problemen, den Besuch bei der Botschaft ab. Die Reise und die Stunden in der Botschaft hatten an uns allen gezehrt und so beschlossen wir, uns zunächst in einem nahe gelegenen indischen Restaurant zu stärken. Viel Zeit zur Verarbeitung der Informationen und Eindrücke blieb allerdings nicht, da am Nachmittag auch der Besuch des Auswärtigen Amtes anstand.

Dort wurden wir eine Stunde später von Herrn Hoelscher-Obermaier in Empfang genommen. Er uns deine Kollegin berichteten uns ebenfalls von den Problemen des sehr armen Landes. Wir erfuhren auch von der politischen Krise, in der sich Haiti seit der Präsidentenwahl im Jahr 2015 befindet. Wir besprachen aus einer etwas anderen Perspektive als zuvor, ob und wie Friedenseinsätze der Vereinten Nationen eine Lösung bringen können oder wer in den Vereinten Nationen die rechtliche Verantwortung für Geschehnisse trägt. Besonders interessant für uns als zukünftige Delegierte war, dass wir auch Tipps bekamen, zu welchen Ländern Haiti gute Beziehungen hat.

Völlig erschöpft machten wir uns auf den Weg zum Hostel, um von dort aus Pläne für den Abend zu schmiede. Wir einigten uns darauf, erst einmal etwas zu essen und danach in eine Bar zu gehen. Thomas, der in Berlin heimisch ist, führte uns zu einer gemütlichen, dunklen, mit Kickern ausgestattete Bar mit Wohnzimmerflair, dessen wahres Highlight sich erst im hintersten Zimmer offenbarte: eine kleine Bühne mit Instrumenten, die jedem mit und auch ohne musikalischem Talent bereitstanden. Dort verbrachten wir einen geselligen Abend, der für manche in der späten Nacht, für andere auch erst in den frühen Morgenstunden endete.

Hätte am nächsten Tag nicht so eine Verwirrung bezüglich der Wahl der Verkehrsmittel geherrscht, wären wir natürlich auch wie gewohnt pünktlich zum Workshop mit Sarah, einer ehemaligen Delegierten, erschienen. Sarah hatte glücklicherweise Nachsehen und wir machten uns an die Arbeit. Da es um Teambuilding und Leadership ging, taten wir uns in den Teams zusammen, in denen wir auch in New York in einem Komitee sein werden. Zunächst sollten wir unseren Partner mit ganz individuellen Merkmalen vorstellen, ohne uns vorher abzusprechen. Von lange bekannten Mehrsprachigkeiten bis hin zu am Abend zuvor entdeckten Gesangskünsten war alles vertreten und wir merkten, was für ein bunter, schöner Haufen wir eigentlich sind. Nach weiteren kleineren Übungen kam es zur großen Challenge: mit fiktiven Persönlichkeiten ausgestattet mussten wir unsere Mitmenschen davon überzeugen, wieso gerade wir von dem sinkenden Schiff, auf dem wir uns alle befanden, gerettet werden sollten. Kleiner Nachteil: es fanden nur sechs von zwölf Anwesenden platz auf dem Rettungsboot. Nach einer Stunde der Gespräche und Debatten, bei dem Bündnisse entstanden, sich lösten, und wieder andere eingegangen wurden, Drohungen ausgesprochen und gefleht wurde, kam es zur Abstimmung. Wie sich rausstellte, hatte es sich ausgezahlt an die Emotionen der Mitreisenden zu appellieren und einem kleineren, aber umso stärkeren Bündnis treu zu bleiben. Unser persönlicher Held wurde aber William, der durch wilde Versprechungen und seinen Charme die Herzen aller Reisenden eroberte, um im Anschluss taktisch ausgeklügelt einen Platz im Rettungsboot zu erobern.

Zum Glück gingen wir nicht wirklich unter und so konnten wir den Nachmittag mit fantastischen Burgern aus Thomas Lieblingsladen und hausgemachten Törtchen ausklingen lassen. Bei der Gelegenheit haben wir dann in Ruhe die Planung unserer bald anstehenden Tombola beginnen können. Zu diesem Zeitpunkt war unsere Runde auch schon merklich reduziert, da die ersten leider schon am Samstag abreisen mussten. Am Abend spielten wir in entspannter Runde mit ein, zwei Bier bei Anna, der Freundin von Thomas, die uns herzlich zu ihr eingeladen hatte. So konnten wir den Tag ganz entspannt bei ausklingen lassen.

Sonntag hieß es dann: Abreise! Mit gepackten Koffern sind wir erstmal in die Stadt zum Frühstücken gefahren und dann ab zum Wannsee, damit wir bevor es nach Hause geht noch ein bisschen Geschichte mitnehmen konnten. Im Haus der Wannseekonferenz, bei der 1942 unter verschiedenen anwesenden NS-Führungsmitglieder der anstehende Holocaust organisiert wurde, haben wir uns herumführen lassen. Maxi, die schon mehrmals dort war, konnte uns noch einige zusätzliche Informationen erklären. Wir empfanden es als interessant, an einem solch geschichtsträchtigen Ort die Hintergründe der Konferenz zu erfahren, aber gleichzeitig auch erschreckend, wie an einem eigentlich sehr idyllischen Ort ein Verbrechen von solchem Ausmaß koordiniert werden konnte.

Wir blicken also zurück auf drei Tage voller lustiger, frustrierter, interessanter, hoffnungsvoller und am Ende aufwühlender Gedanken, die uns gezeigt haben, dass wir nicht nur mit unserem Projekt, internationale Diplomatie zur Friedenssicherung zu lernen, sondern auch mit den Menschen, mit denen wir das Projekt angehen, alles richtig gemacht haben. Optimal vorbereitet und viele Erfahrungen reicher können wir uns nun noch mehr auf unsere anstehende Reise nach New York freuen.


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